01
Okt
11

# Kommissar Hjuler

Kommissar Hjuler und Mama Bär ein Duo Infernale der NO!art-Front, die nach musikalisch experimentellem Klang und der Kunst leben. Beide arbeiten seit über 10 Jahren homogen und symbiotisch zusammen. 11fragen1nterview sprach mit Kommissar Hjuler über Sex und oder Kunst.

Welches künstlerische Verbrechen rechtfertigt eine U-Haft?

Untersuchungshaft heißt ja immer, dass der Inhaftierte nicht auf den Ermittlungsprozess Einfluss nehmen soll und natürlich eine Haftstrafe zu erwarten ist.

Zudem fragst Du nach einem Verbrechen, da gibt es im StGB den umgangssprachlichen Kunstraub, wobei das ja kein eigener Straftatbestand ist, also der Raub von Kunstobjekten, und das KunstUrhG selbst benennt keine Verbrechenstatbestände.

Die Frage wird aber nicht strafprozeßrechlicher Natur sein, so dass eher meine Meinung gefragt ist, was für mich in der Kunst besonders verwerflich ist: Kunst zu unterrichten ist vom Prinzip her falsch, weil die eigene Entwicklung gelenkt wird. Ein Künstler braucht nach einem Studium eventuell länger zur Befreiung aus den vermittelten Dogmen, als ihn die autodidaktische Findung an Zeit gekostet hätte. Für kritische Schablonen ist der Autodidakt aber nicht erfassbar, denn es fehlen die Eckdaten seiner Erziehung. Nur wer braucht solche Eckdaten? Sie sind vielleicht augenscheinlich hilfreich, wenn man gar keine eigenen Maßstäbe für gute und schlechte Kunst besitzt und trotzdem Stellung beziehen muss. Bei der Vermittlung emotionsloser Gesetzmäßigkeiten ist es ja einfach zu sagen, wer eine gute Schule mit gutem Abschluss absolviert hat, ist ein guter Schüler. Aber Kunst ist doch pure Emotion. Wenn ein Mensch lernen will, einen Orgasmus zu erlangen, dann muss er sich da langsam vortasten. Die Kunst ist dann wohl auch bewusst ein weiblicher Terminus, denn für den Mann gibt es keinen schlechten Orgasmus, abgespritzt ist abgespritzt.

Wieviel Opus Pistorum steckt in Mamabaer-Kommissar Hjuler?

Henry Miller war bereits tot, als Mama Baer gezeugt wurde, und ich ging noch zur Schule. Siebte Klasse, da hatte ich schon erste Sexualität erfahren, aber nur als Wichser, dann prägend für meine späteren Korallenriffe, die immer ich sind, jedes einzelne bin ich. Die Entwicklung als Ablagerungsprozess von Einflüssen. Die Kunst als Darstellung der Entwicklung. Das Buch erschien dann ja irgendwann auch, nach seinem Tod, in meiner Jugend, zu Zeiten Mama Baers Kindheit, von damals bis heute von uns unbeachtet.

Das war aber sicher nicht die Frage.

Im übertragenen Sinne muss ich die Frage aber mit der Gegenfrage, wie viel Opus Pistorum denn in der Gesellschaft stecke, beantworten, denn Kunst ist für mich Spiegel der Gesellschaft, und so arbeiten wir. Stellt sich die Frage, wie viel Gesellschaft in Mama Baer und mir steckt. Wir sind Spießbürger und leben völlig durchschnittlich, nur sind wir dabei jederzeit Gesellschaft ausgesetzt, die wir nüchtern auffassen, wenn wir richtig alkoholisiert sind.

Bleibt zu hoffen, dass dem Asylum lunaticum nicht irgendwann mal eine mehrjährige Jugendschutzsperrung in Aussicht gestellt wird, die Staatsanwaltschaft Flensburg sah zumindest 2007 noch keinen Handlungsbedarf, und das Innenministerium Schleswig-Holstein hatte andere Sorgen als den Jugendschutz, da ging es eher um den eigenen Artenschutz.

Welche persönlichen Dämonen stecken in den eigenen Kunstobjekten?

Bei uns beiden immer die Kindheit: Kunstausübung ist auch immer ein wenig Vergangenheitsbearbeitung, weil die fremdgeprägte Sichtweise sich auch heute noch im Betrachteten widerspiegelt, und das überwindet man rückwirkend durch jedes neue Werk. Der Weg nach vorne führt auch stückchenweise zurück in die eigene Entwicklung, und das kann auch freudig sein, auch wenn Außenstehende anhand der Bilder sehr schwarz deuten.

Kuscheln oder malen und wieso ?

Die Frage verstehe ich nicht, da ist zu wenig Butter bei die Fische. Da könnte ich jetzt irgendwas zu herumschwafeln, aber wem ist damit in einem Interview gedient, zudem habe ich dazu ja Frage 11.

Sex sells, weil?

Sex sells gar nichts! Es ist sau-schwierig mit Kunst, die von Außenstehenden als frauenfeindlich betrachtetet werden kann, Galerien für die Ausstellung dieser Kunst zu gewinnen, denn die Galerie läuft dann ja Gefahr, als frauenfeindlich katalogisiert zu werden. Pornografie ist immer in der Betrachtung frauenfeindlich, und eine abweichende Sichtweise ist vom Grundsatz her schon anstößig, da wird sich so schnell nichts ändern.

Nicht jugendfrei Kunst findet zudem keinen Absatz in Haushalten mit Kindern, sie ist an Eltern nicht verkäuflich, was den Käuferkreis deutlich beschränkt, denn eine Galerie stellt ja aus, um mit der Verkaufsprovision Gewinne zu erwirtschaften.

Ich bin in dem Zusammenhang mit solcher abwertenden Katalogisierung auf die Idee zu kommen, Absurdität als Kampfmittel einzusetzen, und kam auf die Idee zu fluxporn, der offensichtlichen Verbindung von Pornografie und Kunst im Entstehungsprozess, aber dann nicht zwingend zur Herstellung von pornografischer Kunst. Ich baue im Moment ein Kontaktnetz zu Pornodarstellerinnen auf, um mit diesen gemeinsam Kunst herzustellen. Der Kontaktausbau ist viel schwieriger, als ich es mir dachte. Aber, wenn es dann klappt, dann wird meine Falschinterpretation vom Beuys’schen „Jedermann ein Künstler“ viel Verwirrung auf dem Markt stiften. Mit der Falschinterpretation bin ich nicht allein, sie ist wahrscheinlich verbreiteter, als die Botschaft, dass ein Maurer, der eine Mauer baut, damit für seinen Bereich ein kleines Kunstwerk produziert, damit aber kein Künstler wird. Die Pornodarstellerinnen will ich zu gleichwertigen Künstlerinnen neben mir erklären, sie sollen aktiv in den Gesamtprozess eingeschlossen werden, um dann keine Pornografie herzustellen, selbst wenn es hinterher pornografisch erscheint. Klingt kompliziert? Es ist noch komplizierter, diesen Gedanken jemandem zu vermitteln, der sich bislang nicht viel mit Kunst beschäftigt hat. Aber ich bin zuversichtlich, dass in diesem Projekt echte Zusammenarbeit entsteht.

(Batterie, Latexkappe, Kernseife, Schreibmaschine, 3 Leuchtdioden, Playmobil Prinzessinenschloss-Verpackung) + Kabel, wird zu?

Solange die Playmobil-Schloss-Verpackung dabei ist, eher nicht so vernünftige Kunst. Ansonsten wäre eine beleuchtete Assemblage denkbar. Ich arbeite regelmäßig mit ähnlichen wie den beschriebenen Gegenständen, und scheinbar nicht Zusammenpassendes passt manchmal besser zusammen, als man denkt, wenn später etwas ganz Neues entstehen soll, das als Ganzes völlig über den einzelnen vermittelten Begrifflichkeiten steht.

5 Adjektive, die sich nicht auf die Wesenszüge eines Kommissars Hjuler reimen!

Großes Geschlechtsteil, großes Geschlechtsteil, großes Geschlechtsteil, großes Geschlechtsteil, großes Geschlechtsteil, oder ist das eher eine nicht zutreffende adverbiale Bestimmung? Ach nee, jetzt muss es sich ja auf das Nicht-Zutreffende auch noch reimen, … kompliziert.

Ich liebe das umorganisieren von Stereotypen, was an Kommissar Hjuler ist stereotyp?

Äußerlich die blöde Brille, mittlerweile der Bart, der immer gleiche Gesichtsausdruck und eine gesunde Arhythmik, insgesamt aber eher das Sicherheitsdenken und Harmoniebedürfnis. Und Mama Baer macht viel Kommissar Hjuler aus, wir haben nicht umsonst mal den Begriff der zwei Eineperson für uns gewählt und in Performances und Musik-Einspielungen dann umgesetzt.

Meine Frau und ich wären grundlegend umstrukturiert, wenn wir alleine weiterexistieren müssten, das würde nicht funktionieren. Wir wären als Solo-Künstler vermutlich schnell weg vom Fenster.

Wir habe erst vor etwas über 2 Jahren für uns realisiert, dass wir schon längere Zeit Kunst herstellen, gar nicht mehr „Musiker“ sind. Ab da haben wir uns bewusst selbst umorganisiert, aber irgendwie ist das auch ein fließender Prozess, vielleicht deshalb immer wieder ein tatsächlicher Bezug zu Fluxus.

Ich schenke Ihnen eine Kettensäge ohne Benzin, das erste was „abgeholzt“ wird, ist?

Da muss ich zum Abholzen ja auf ein Beil zurückgreifen oder vorher zur Tankstelle, da ist es doch einfacher, gar nicht erst etwas abzuholzen. Es ist immer geschickter, geistige Abholzungsarbeit zu verrichten, indem man Leute zum Hinterfragen von Werten bringt, die sie vorher nicht in Frage gestellt haben. Ein abgesägter Baum wächst ja auch viel zu schnell nach, zumindest in einem Werbespot für recyclebare Rohstoffe.

Überhaupt muss man begrifflich kaputt machen, die Batterie, Latexkappe, Kernseife, Schreibmaschine, 3 Leuchtdioden und das Kabel aus Frage 6 müssen in ihren übermittelten Begrifflichkeiten als Einzelteil zerstört werden, damit sie als Bestandteil ausfallen und ein neues Objekt entsteht, auf eine Kettensäge kann man da nicht vertrauen, Benzin muss ich mir also gar nicht erst, vielleicht im Tausch gegen Playmobil Prinzessinenschloss-Verpackung umständlich organisieren.

Aus der Säge baue ich eher den Motor aus, um sie dann in namenslose Neubauteile zu verfremden. Ich bau Dir ein Schloss aus LEGO-Teilen, bei denen man die LEGO-Herkunst nicht mehr sieht!

Puppen oder Verpuppen?

Alles nur Puppen, verpuppt hieße, dass aus ihnen ein Weitergehendes hervorkommt, was jetzt noch versteckt in ihnen schlummert. Die sind so aber schon fertig, auch wenn der Betrachter vielleicht manchmal auf nur eine hässliche Verpuppung hofft, als Käufer wünsche ich mir diesen Betrachter dann nicht.

Eine unglaublich gute Frage, die ich vergaß zu stellen und so nie eine Antwort erhält, wäre?

Ja, Mama Baer und ich ergänzen uns wirklich in allem; liegt daran, dass wir rund um die Uhr auf einander hocken und keine Freunde haben, jegliche Zeit, die wir der Kindererziehung abzwacken können, in Kunst umwandeln, was mittlerweile eher Zeitmanagement ist. Vor kurzem hatte ich vor lauter Stress epileptischen Anfall, aber ich sterbe lieber, als mich künstlerisch zu bremsen, die Ruhe-Ressourcen für den Organismus müssen anderen Ortes beigebracht werden – heißt: Noch besseres Zeitmanagement! Für die Kunst! Oder hätte ich die Frage auch formulieren sollen?

11fragen1nterview ist über die Wortgewalt der Bildgewalt sehr angetan und wünscht Mama Baer Kommissar Hjuler weiterhin den Tropfen auf den heißen Stein!


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